Sauerteig: Traditionelles Backen neu entdeckt
Vom Roggenmischbrot bis zum Injera, von Waffeln bis Zimtschnecken: wofür sich Sauerteig außer dem klassischen Laib eignet.
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Was bei der Gärung im Teig passiert, welche Rolle Mehl, Wasser und Temperatur spielen und was die Begriffe aus den Rezepten bedeuten.

Ein Sauerteig ist eine Gemeinschaft aus wilden Hefen und Milchsäurebakterien, die beide schon im Mehl stecken. Die Hefen bilden Kohlendioxid, das den Teig aufgehen lässt. Die Bakterien bilden Säuren, vor allem Milchsäure und Essigsäure. Die Säure macht den Teig für viele andere Keime unattraktiv, gibt dem Brot seinen typischen Geschmack und hilft, dass es länger frisch bleibt.
Die beiden Säuren schmecken verschieden. Milchsäure ist rund und mild, in der Nähe von Joghurt. Essigsäure ist spitz und sticht in der Nase. Welche von beiden das Sagen hat, entscheiden Temperatur und Teigfestigkeit: Warm und weich geführt bilden die Milchsäurebakterien überwiegend Milchsäure, kühl und fest geführt verschiebt sich das Verhältnis zur Essigsäure. Ein mildes Weißbrot und ein kräftiges Roggenbrot können aus derselben Kultur kommen; den Unterschied machen die Bedingungen, unter denen die Gärung läuft.
Darum riecht ein Starter aus dem Kühlschrank anders als einer, der auf der Arbeitsplatte steht. Bei 5 °C stellen wilde Hefen die Arbeit fast ein, die Bakterien machen langsam weiter, und ihre Essigsäure sammelt sich über Tage an. Oft bildet sich obenauf eine graue Flüssigkeit, die nach Lösungsmittel oder Nagellackentferner riecht. Das ist Alkohol aus der Gärung und kein Zeichen von Verderb. Ein- bis zweimal warm gefüttert, riecht das Glas wieder nach Joghurt und frischem Mehl. Wie das genau geht, steht in der Starter-Hilfe.
Wer dasselbe Rezept einmal im Juli und einmal im Januar backt, bekommt zwei verschiedene Zeitpläne. Die Küche ist im Winter zwei oder drei Grad kühler, das Mehl kommt aus einer kalten Vorratskammer, das Wasser aus der Leitung ist kälter, und der Teig startet mit einem Rückstand, den er nie aufholt. Wer das verstehen will, stellt ein Thermometer neben die Schüssel.
Drei Faustwerte reichen, um die eigene Küche einzuordnen. Um 20 °C arbeitet ein Sauerteig gemächlich; eine Stockgare, die im Rezept mit vier Stunden angegeben ist, braucht dann oft deutlich länger, und der Teig wird säurebetonter. Um 24 °C liegt der Bereich, für den die meisten Rezepte hier geschrieben sind: zügige Gärung, ausgewogener Geschmack. Um 28 °C geht es schnell und mild, aber der Teig verzeiht wenig; eine halbe Stunde zu viel, und er fällt in sich zusammen.
Zeit und Temperatur hängen über die Säure zusammen. Je länger ein Teig gärt, desto mehr Säure bildet sich, und je kühler er dabei steht, desto größer ist der Anteil an Essigsäure. Eine lange, kalte Stückgare über Nacht ergibt deshalb ein kräftigeres Brot als eine kurze, warme Gare am Nachmittag. Beides ist richtig, es sind zwei verschiedene Brote. Die Zeitangabe im Rezept bleibt in jedem Fall eine Schätzung. Richtet euch nach der Fingerprobe und dem Volumen des Teigs, nicht nach der Uhr, und notiert, wie warm es bei euch war. Wer das Wasser etwas wärmer nimmt, kann die Teigtemperatur im Winter ein Stück weit ausgleichen.
Die Typenzahl auf der Mehltüte nennt den Mineralstoffgehalt in Milligramm je 100 g Mehl: Type 550 enthält etwa 550 mg, Type 1050 etwa 1050 mg. Mehr Mineralstoffe bedeuten mehr Anteile aus den Randschichten des Korns, also dunklere Farbe, mehr Geschmack und mehr Wasseraufnahme. Type 550 ist das helle Weizenmehl für weiche, offenporige Brote, Type 1050 das kräftigere für Landbrote, Type 1150 das übliche Roggenmehl. Vollkornmehl trägt keine Typenzahl, weil das ganze Korn vermahlen wird; es nimmt am meisten Wasser auf und ergibt eine dichtere Krume, weil die Schalenteile das Klebergerüst stören.
Roggen verhält sich anders als Weizen. Er bildet kaum ein Klebergerüst und bindet Wasser über Schleimstoffe. Ohne Säure bauen seine eigenen Enzyme beim Backen die Stärke ab, und die Krume bleibt klitschig. Darum braucht jedes Roggenbrot Sauerteig, bei Weizen ist er eine Geschmacksfrage. Dinkel wiederum hat einen dehnbaren, aber wenig stabilen Kleber: Der Teig ist schnell überknetet, läuft breit und trocknet im Ofen leichter aus. Kurze Knetzeiten und ein Quellstück helfen.
Beim Wasser wird gern zu viel Aufwand getrieben. Leitungswasser ist in Deutschland in aller Regel geeignet, abkochen oder abstehen lassen ist meist unnötig. Wenn ein Starter träge ist, liegt es fast immer an Temperatur oder Fütterung, selten am Wasser. Salz gehört in jeden Brotteig, auch wenn es die Gärung bremst: Es festigt das Klebergerüst, hält den Teig in Form und gibt Geschmack. Die Faustregel sind 2 % vom Mehl, also 20 g auf 1000 g. In den Starter selbst kommt es nie.
Sauerteig ist ein Sammelbegriff. Welches Mehl die Kultur bekommt, prägt ihren Charakter mehr als jede andere Entscheidung. Roggensauerteig ist die kräftige Form: weich geführt, deutlich säurebetont, mit dem Duft, den man von den dunklen Broten aus dem Norden kennt. Für Roggenbrote ist er aus den oben genannten Gründen Pflicht, als Anteil gibt er auch Mischbroten Tiefe.
Weizensauerteig ist milder und wird meist mit Type 550 oder 1050 geführt. Er trägt helle Brote, Brötchen und Fladen. Seine festeste Ausprägung ist der Lievito madre aus Italien: ein Weizensauerteig mit etwa 50 % Hydration, warm und häufig gefüttert, so mild, dass er in Panettone und Colomba steckt. Dinkelsauerteig verhält sich wie ein Weizensauerteig, nur mit der Empfindlichkeit des Dinkels: Er neigt zum Überreifen und mag eine kühle, kurze Führung. Ein Starter lässt sich übrigens umstellen; nach drei oder vier Fütterungen mit dem neuen Mehl hat er sich angepasst.
Nicht alles, was in Gläsern weitergegeben wird, ist Sauerteig. Der „Hermann“ ist ein süßer Kettenteig aus Mehl, Milch und Zucker, der mit Backhefe arbeitet, wo im Sauerteig wilde Hefen arbeiten. Er gehört in den Kuchen, nicht ins Brot. Gerste, Hafer, Emmer oder Einkorn lassen sich ebenfalls ansäuern, kommen aber wegen ihres schwachen Klebers meist nur als Anteil in den Teig. Das ist ein Feld für Versuche, auf dem noch vieles offen ist.
Die Gärung von Mehl und Wasser hat niemand erfunden, sie ist passiert. Die übliche Erzählung beginnt in Ägypten: Ein stehen gelassener Teig ging auf, das Brot daraus war lockerer, und aus der Beobachtung wurde eine Methode. Griechen und Römer backten damit, und mit ihnen verbreitete sich der Sauerteig über Europa. Im Norden, wo Weizen schlecht gedieh und Roggen das Feld hatte, wurde er zur Grundlage der dunklen Brote, die es bis heute gibt. Erst die industriell hergestellte Backhefe drängte ihn aus vielen Backstuben zurück. Mehr zur Geschichte steht im Artikel zur Herkunft des Sauerteigs.
In Rezepten steht oft eine Prozentzahl für den Wasseranteil. Mit dem Rechner seht ihr, wie weich ein Teig wird, wenn ihr Mehl- oder Wassermenge ändert. Das Anstellgut wird dabei je zur Hälfte als Mehl und Wasser mitgerechnet.
74 % Hydration
Unter 65 % ist ein Teig fest und gut zu formen, um 70 bis 75 % weich und offenporig, über 80 % sehr weich wie bei Focaccia.
Rezepte sprechen eine eigene Sprache. Stockgare, Anstellgut, Fingerprobe, Brühstück: Wer diese Begriffe nicht kennt, liest an jedem zweiten Schritt vorbei und kann ein Rezept kaum verstehen. Die Liste unten erklärt die Begriffe, die in den Rezepten und in der Starter-Hilfe vorkommen, kurz und ohne Vorwissen. Das Suchfeld filtert die Liste beim Tippen.
Kein Begriff gefunden.
Kurze Antworten auf das, was beim Lesen der Rezepte offen bleibt.
Nein. Hefeteig wird mit gezüchteter Backhefe gelockert und ist in ein bis zwei Stunden fertig. Sauerteig ist eine Kultur aus wilden Hefen und Milchsäurebakterien, die langsamer arbeitet, Säure bildet und dem Brot Aroma und Haltbarkeit gibt. Beides lässt sich kombinieren, ein reiner Sauerteig kommt aber ohne Hefe aus.
Weil es länger geht. Bei kühler Küche dauert jede Gare länger, und in dieser Zeit bilden die Bakterien mehr Säure, vor allem Essigsäure. Wärmer stellen oder weniger lange reifen lassen macht das Brot milder.
Das Verhältnis von Wasser zu Mehl. 350 g Wasser auf 500 g Mehl sind 70 %. Je höher die Zahl, desto weicher und offenporiger der Teig, aber auch desto schwerer zu formen. Vollkornmehl verträgt mehr Wasser als helles Mehl.
Ja, in kleinen Mengen ohne Umstellung, bei größeren Mengen besser nach zwei bis drei Fütterungen mit Weizenmehl. Der Starter bringt dann weniger Roggengeschmack mit und der Teig lässt sich wie ein Weizenteig falten.
Etwa 2 % vom Mehlgewicht, also 10 g auf 500 g Mehl. Salz bremst die Gärung leicht und festigt das Klebergerüst; ganz ohne Salz geht der Teig schneller, schmeckt aber fad und läuft breiter.
Vom Roggenmischbrot bis zum Injera, von Waffeln bis Zimtschnecken: wofür sich Sauerteig außer dem klassischen Laib eignet.
Wo Sauerteig herkommt, was bei der langsamen Gärung im Teig passiert und warum das Aroma so anders ist als bei Hefebrot.
Starter, Mehl, Wasser, Zeit: die vier Dinge, um die sich beim Sauerteig alles dreht, und wo man auf dieser Seite weiterliest.